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Interview mit Jacques Attali

Stefan Brändle, Redakteur der Österreichischen Tageszeitung 'Der Standard' sprach 1999 mit Jaques Attali über die Weltgesellschaft im 21. Jahrhundert. Der 56-jährige heftig umfehdete Intellektuelle, ist in Frankreich einer der originellsten Denker. Der ehemalige Mitterand-Berater und Chef der Osteuropa-Bank ist jetzt als Schriftsteller tätig.

STANDARD: Werden Sie die kommende Silvesternacht vor Ihrem Computer verbringen, um zu testen, ob er den Sprung ins neue Jahrtausend überlebt?

Attali: Ich werde Neujahr sicher nicht vor dem Bildschirm kleben, sondern ich gedenke nach Jerusalem zu reisen, um an dem Ort zu sein, wo unser Kalender seinen Ursprung nahm.

STANDARD: In Jerusalem versammeln sich jetzt schon viele Menschen, um aus Angst vor dem Weltuntergang auf einen Messias zu warten.

Attali: Das ist Unfug. Der Jahreswechsel 2000 birgt nichts Übersinnliches. Er hat etwas Universelles, beruht der christliche Kalender doch auf arabischer Rechenart und geht auf den Geburtstag eines jüdischen Kindes zurück.

STANDARD: Was bedeutet der kommende Jahrtausendwechsel für Sie?

Größere Maßstäbe

Attali: Er zwingt uns, wieder in größeren Maßstäben zu denken. An jedem 31. Dezember erfasst uns ein Schwindel vor dem bevorstehenden Sprung ins neue Jahr, doch jetzt geht der Sprung viel weiter. Statt in einem Buch eine Seite umzuschlagen, stoßen wir nicht auf eine neue Seite, sondern gleich auf tausend. Unsere Gesellschaft ist hingegen immer kurzfristiger ausgerichtet und auf den Moment fixiert. Diese zwei Sichtweisen prallen nun aufeinander.

STANDARD: Haben wir verlernt, langfristig zu denken?

Attali: Ja, und zwar aus einem Grund, der vielleicht paradox scheint: Das Langfristige widerspricht der Freiheit. Frei sein heißt auch seine Meinung ändern können und nicht ewig im Festgefügten zu verharren. Und da wir gleichzeitig Freiheit und Langzeit-Ausrichtung brauchen, geraten wir in einen inneren Widerspruch.

STANDARD: Brauchen wir das langfristige Denken auch, um Utopien zu bewahren?

Attali: Utopien sind lebensnotwendig. Es gab bisher drei Grundideen, die in sich verflochten sind: Zuerst war es die Ewigkeit, was zur Bildung von Religionen führte. Im 19. Jahrhundert präzisierte sich sodann der Wunsch nach Freiheit, und im 20. Jahrhundert nach Gleichheit. Kommunismus und Nationalismus haben gezeigt, dass sich die Utopien von Freiheit und Gleichheit  ausschließen. Diese Erkenntnis wird das 21. Jahrhundert prägen, und sie verhilft uns zu einer neu gefassten Utopie der Brüderlichkeit. Sie ist eigentlich eine Synthese der bisherigen Utopien, deren Rückkehr wir derzeit erleben: die Rückkehr des Religiösen, des freien Marktes, der sozialen Demokratie. Das Dumme ist, dass sich der Markt gegen die Demokratie durchsetzen dürfte; wir werden einen Weltmarkt, nicht aber eine Weltdemokratie erhalten. Deshalb brauchen wir die neue Utopie der Brüderlichkeit , analog dem dritten Leitprinzip der französischen Republik. Die Brüderlichkeit existierte als Prinzip schon in der Bibel: Man betrachtet den Nächsten als Bruder und ist dann zufrieden, wenn auch der andere glücklich ist.

Schwesterlichkeit

STANDARD: Und die Schwesterlichkeit?

Attali: Der Einwand ist berechtigt. Dieser Begriff kommt in der französischen Sprache fast gar nicht vor. ‚Brüderlichkeit’ in meinem Sinn schließt die Schwesterlichkeit ein, da sie keine Rückkehr zu früheren Zuständen bedeutet. Die Brüder Kain und Abel  brachten sich um – Schwesternmord gibt es als Begriff hingegen nicht.

STANDARD: Das neue Gebot lautet also: Seid brüderlich zueinander?

Attali: Oder genauer, suche das Glück auch im Glück des anderen. Dies führt konkret zu mehr Interesse am anderen, zum Beispiel auch zum Recht eines Staates, sich in die Belange eines anderen einzumischen, oder zur Aufwertung der internationalen Organisationen. Gegenseitige Abhängigkeit ergibt mehr Teamwork – in der Fußballmannschaft, dem Musikorchester oder dem Internet. In der vernetzten Technologie-Gesellschaft ist die Brüderlichkeit grundlegend, denn sie führt nicht mehr wie in der heutigen Gesellschaft zu einem Nullsummenspiel, sondern zu einem positiven Ergebnis.

STANDARD: Was heißt das konkret?

Attali: Wenn jeder jeden braucht, will jeder, dass der andere auch bei guter Gesundheit und gut ausgebildet ist; man zahlt also für die Gesundheit und Schule des anderen. Mann kann noch weiter gehen und sich vorstellen, dass man den anderen bezahlt, damit es ihm besser geht. Heute zahlt man bereits den Lohn weiter, wenn jemand krank ist; hinkünftig könnte man die Menschen auch für die Weiterbildung entlohnen. Und wenn man soweit ist, wird es keine Arbeitslosen mehr geben: Denn jede Person, die nicht arbeitet, ist dann in der Ausbildung und hat ein sozial würdigeres Statut.

STANDARD: Das entspricht aber nicht gerade dem heutigen Zeitgeist der Märkte und Börsen.

Attali: Der Markt ist die Negierung der Brüderlichkeit. Wenn der Markt ganz triumphiert, wird es keine Brüderlichkeit mehr geben. Allerdings übernimmt – man könnte auch sagen vereinnahmt – der Markt schon heute Prinzipien der Brüderlichkeit; in der Werbung vermitteln Produkte zum Beispiel die Botschaft ‚Ich liebe Dich’. Diese Spannung zwischen Markt und Brüderlichkeit wird im Mittelpunkt des 21. Jahrhunderts stehen.

STANDARD: Können gut und böse noch weiter auseinander klaffen, als es im 20. Jahrhundert mit den totalitären Regimes der Fall war?

Attali: Das absolut Böse kann sich nicht verwirklichen – sonst verschwindet die Menschheit. Das absolut Gute ist nur ein Traum. Wir haben zwar die Mittel, um allen Menschen ein Leben zu ermöglichen, ohne dass sie unter äußeren Umständen leiden müssen. Wir haben aber auch die Mittel, die ganze Menschheit auszulöschen. Im zweiten Weltkrieg hatte man noch die Mittel, alle Juden, Zigeuner und Freimaurer an einen Ort zu versammeln und dort eine Atombombe zu zünden – sonst hätte man es wohl gemacht.

STANDARD: Kommt dazu nicht auch die Gefahr, dass uns der technologische Fortschritt über den Kopf wächst?

Attali: Die Gefahr besteht in der Tat dann, wenn die Grenze zwischen künstlich Gemachtem und dem Natürlichen – dem Menschen – verwischt wird. Genauer gesagt, wenn der Mensch geklont werden darf . Dann wird der Mensch zur Handelsware, dann kann man seine Kinder im Katalog auswählen.

STANDARD: Wo muss man einen Riegel vorschieben? Schon bei der genetischen Umwandlung von Nahrungsmitteln?

Attali: Die Diskussion über die Genetik – nicht über das Klonen – beruht meist auf Angst wegen Unwissenheit. Genetisch modifizierte Produkte bestehen seit der Antike, als man eine Pflanze auf eine andere pfropfte. Das Problem ist die Kreuzung von Menschlichem und Künstlichem. Heute wird alles gekreuzt und vermengt.

STANDARD: Sie meinen generell über das medizinische Hinaus?

Ja. Das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Verschmelzung, der Vermischung. Das ist nicht nur negativ. Ein Schmelztiegel schafft nicht Einheitlichkeit, sondern Vielseitigkeit. Das sieht man auch im Konsum: Die Globalisierung führt zu vielfältigen Ausformungen und zunehmend unterschiedlich Produkten. Die alte Nach-Maß-Fertigung wird verallgemeinert, das Individuelle generalisiert. In seinen Lokalen wird das Angebot jedoch mehr und mehr ‚nationalisiert’: In einem französischen McDo erhalten Sie nicht dasselbe wie in einem deutschen McDo. Die eigentliche globale Essware wird ohnehin nicht der Hamburger sein, sondern die Pizza. Sie ist eine Metapher des 21. Jahrhunderts: Auf einem einheitlichen Boden fügt jeder bei, was er will.

STANDARD: Führt die Auflösung der Grenzen zur totalen Mobilität?

Attali: Wir treten in eine Ära des Nomadentums. Die Sesshaftigkeit verliert an Bedeutung, und es wird allgemeine Instabilität herrschen, sowohl im Bereich des Wohnens wie in den familiären Beziehungen. Alle sozialen Schichten sind betroffen, von den Reichen, ständig die ständig auf Geschäfts- und anderen Reisen sind, bis zu den ganz Armen, die zum ständigen Umziehen gezwungen sind. Die unteren Klassen haben die virtuelle Abwechslung, zum Beispiel Videospiele. Und da komme ich zum Prinzip der Brüderlichkeit zurück: Ein einzelner Nomade ist zum inneren und äußeren Tod verurteilt. Er überlebt nur in seinem Stamm.

Und selbst wenn althergebrachte ‚Stämme’ unseres Gesellschaftssystems auseinander fallen – ich glaube, dass die Menschen neue Stämme bilden werden. Das nennt sich in der modernen Sprache dann ‚Netze’.

Nomadentum

STANDARD: Nomadentum und Vermischung, das bedeutet den Verlust zahlreicher Bezugspunkte.

Attali: Das jüdische Volk hat eine Tradition, die man meiner Meinung verallgemeinern kann: Es ist gekennzeichnet durch ein Land (Isreal) und ein Buch (die Bibel) – zwei offensichtliche Gegensätze. Die Juden haben immer geschwankt, ob sie ein Volk des Buches oder des Landes seien. Ich glaube aber, dass unsere Zukunft nicht im Land liegt, sondern im Buch. Und das Buch ist ein Objekt des Nomadentums.          

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